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Psychoterror in der Firma – das können Chefs tun

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Mobbing am Arbeitsplatz – gibt es nicht in Ihrem Unternehmen? Möglicherweise täuschen Sie sich: 60 Prozent aller Arbeitnehmer haben es schon erlebt. Wie Chefs Mobbing erkennen und verhindern können.

Den Kollegen demütigen, bis er das Unternehmen verlässt, ständig auf den Schwächen des Praktikanten rumhacken oder die Mitarbeiterin ignorieren – was nach unangenehmen Ausnahmefällen klingt, haben sechs von zehn deutschen Arbeitnehmern so oder ähnlich schon erlebt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Büroherstellers Viking und des Meinungsforschungsinstituts OnePoll. Sie haben 1000 Arbeitnehmer zu ihren Erfahrungen mit Mobbing an ihrem derzeitigen Arbeitsplatz befragt.

Erschreckend: Fast jeder vierte Mitarbeiter war selbst schon einmal Opfer von Mobbing. 37 Prozent der Arbeitnehmer haben beobachtet, wie Mitarbeiter oder der Chef selbst Kollegen mobbten. Mobbt der Chef seine Mitarbeiter, spricht man von Bossing. Geschieht es andersrum von Staffing.

Was ist noch Stichelei, wann spricht man von Mobbing?

Ein Mitarbeiter, der seinen Büronachbarn aufzieht, weil er zu einem Geschäftstermin ein völlig unpassendes Outfit trägt, mag gemein sein – ist aber noch kein Mobbing. Würde er seinen Kollegen allerdings immer wieder öffentlich wegen seines schlechten Kleidungsstils demütigen und andere Kollegen dazu animieren, sich ihm anzuschließen, kann man von Mobbing sprechen.

„Mobbing hat zwei entscheidende Komponenten, die es von Streitereien und Neckereien unterscheidet“, sagt Moritz Scherzer, Referent des Bündnisses gegen Cybermobbing.

  1. Mobbing findet systematisch statt: „Es steckt ein Plan dahinter. Menschen, die mobben, überlegen sich genau, was sie tun, stimmen sich teilweise ab“, sagt Scherzer.
  2. Mobbing erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Scherzer: „Das ist keine einmalige Aktion wie ein Streit. Mobbing kann mehrere Wochen, Monate oder Jahre dauern.“

Das Bündnis gegen Cybermobbing hat Arbeitnehmer zu persönlichen Mobbing-Erfahrungen befragt. Eine der Antworten: „Der Chef flüsterte mir jeden Morgen ins Ohr: ‚Ich mach‘ dich fertig. Du wirst nie wieder einen Fuß an die Erde kriegen‘.“

Warum ist Mobbing so gefährlich?

Abgesehen davon, dass gemobbte Mitarbeiter sich unwohl an ihrem Arbeitsplatz fühlen, kann die Schikane der Kollegen laut Scherzer psychische und körperliche Auswirkungen haben. „Manche Menschen werden depressiv, traumatisiert, ziehen sich zurück. Oder sie fühlen sich ständig nervös und angespannt, wie vor einer Prüfung.“ Oft seien die betroffenen Mitarbeiter weniger leistungsfähig als früher. Auch Übelkeit kann ein Symptom sein, langfristig sogar Herz- und Atemprobleme. Scherzer: „Im schlimmen Fällen fügen Menschen sich Verletzungen zu, wenn sie sich schämen und es niemandem sagen können. Das allerschlimmste, was passieren kann: Selbstmord.“

Wie können Chefs Mobbing erkennen?

Laut der Studie hält jeder vierte Arbeitnehmer seinen Vorgesetzten für nicht imstande, Mobbing zu erkennen. „Eine Erklärung könnte sein, dass viele Arbeitgeber das Thema Mobbing nicht mit ihrem Unternehmen in Verbindung bringen möchten“, sagt Uwe Leest, Vorstandvorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing.

Mobbing ist nicht immer leicht auszumachen – besonders, wenn Chefs viel unterwegs sind und kaum etwas von der Stimmung im Betrieb mitbekommen. Oder weil die Täter ihre Aktionen geschickt vertuschen. Ein Anzeichen, dass aber kein Chef ignorieren kann: Ein Mitarbeiter berichtet ihm persönlich, dass er gemobbt wird.

Heinz Leymann, Arbeitspsychologe und Pionier in der Mobbingforschung, hat 45 Handlungen aufgelistet, die deutliche Zeichen für Mobbing darstellen. Darunter:

  • Die Mobber schränken ihr Opfer in der Möglichkeit ein, sich mitzuteilen (beispielsweise indem sie ihren Kollegen ständig unterbrechen, ihm drohen oder ihn ständig kritisieren).
  • Die Mobber isolieren den Kollegen (sie sprechen nicht mehr mit ihm, behandeln ihn wie Luft).
  • Sie ruinieren seinen Ruf (zum Beispiel, indem sie Gerüchte verbreiten, hinter seinem Rücken schlecht über ihn sprechen, sich über ihn lustig machen).
  • Die Mobber zerstören die Arbeitsqualität des Opfers (sie weisen ihm keine Aufgaben mehr zu oder nur solche, die ihn über- oder unterfordern).
  • Sie greifen seine Gesundheit an (leichte Gewalt, gesundheitsschädliche Arbeit).

Wie sollten Arbeitgeber handeln, wenn sie von Mobbing im Betrieb erfahren?

Chefs nehmen Mobbing nicht ernst genug – das gab jeder dritte befragte Arbeitnehmer in der Studie von Viking an. „Arbeitgeber schauen gezielt weg oder reihen sich im schlimmsten Fall noch mit in das Verhalten ein, um das Opfer schneller aus dem Unternehmen zu bekommen“, sagt Uwe Leest. „Oft wird Mobbing dann als Neckerei, Missverständnis oder individuelles Problem dargestellt und nicht als Problem der Firma wahrgenommen.“

Erfahren Unternehmer von Mobbing-Fällen in ihrer Firma, müssen sie eingreifen – denn sie haben eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitern. Moritz Scherzers Handlungsempfehlungen für Arbeitgeber: Suchen Sie das Gespräch mit den Mobbern. Wichtig sei dabei, den Eindruck zu vermeiden, dass das Mobbing-Opfer Sie geschickt hat.

Mobber ermahnen, den Gemobbten ernstnehmen

Im Gespräch sollten Chefs die Mitarbeiter ermahnen und ihnen klarmachen, dass sie ihr Verhalten bemerkt haben und dass Konsequenzen drohen, wenn sie damit weitermachen. Hilft das nicht, sollten Chefs abmahnen, die Mitarbeiter versetzen – oder ihnen kündigen, wenn sie sich weiterhin so verhalten.

Besonders wichtig: Den gemobbten Mitarbeiter ernstnehmen. „Wenn der Betroffene sich nicht ernst genommen fühlt oder meint, der Vorgesetzte beteilige sich sogar am Mobbing, ist das das Schlimmste für ihn“, sagt Scherzer.

Im Zweifelsfall professionelle Hilfe holen

Arbeitgeber sollten den betroffenen Mitarbeiter schützen. Laut Scherzer könnten Chefs ihn zum Beispiel eine Zeit lang freistellen. „Oft ist das besser, als wenn er jeden Tag damit kämpft, ins Büro zu kommen“, sagt Moritz Scherzer. Nützt das nichts, sollten gute Chefs professionelle Hilfe von außen holen. Sie können einen Psychologen zu Rate ziehen, um den leidenden Mitarbeiter zu unterstützen. Oder einen Streitschlichter engagieren, um die Situation zu klären.

Auch wichtig: „Chefs sollten sich fragen, woran das Mobbing liegt“, sagt Scherzer. Sie sollten die Ursache klären – denn möglicherweise sei der Gemobbte nur eine Art Blitzableiter für den Frust und Ärger der Kollegen, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind. Etwa weil die Firma in einer schwierigen Phase steckt oder etwas mit der Unternehmenskultur nicht stimmt. Ist der gemobbte Mitarbeiter nur Sündenbock für größere Probleme, sollten Chefs überlegen, was sie in der Organisation ändern können.

Wie verhindern Chefs Mobbing von vornherein?

„Viele Unternehmen weisen Merkmale auf, die Nährboden für Mobbing sind“, sagt Moritz Scherzer. „Beispielsweise ein schlechtes Betriebsklima, ein rauer Umgang.“ Auch falsche Anreizsysteme können dazu beitragen, etwa wenn Mitarbeiter sich nur über ihren Erfolg oder eingefahrenen Umsatz definieren.

Mobbing kommt laut Scherzer besonders häufig in Unternehmen mit starren Hierarchien vor – vor allem im öffentlichen Dienst, aber auch in sozialen Berufen wie der Pflege. Weit weniger verbreitet sei Mobbing unter Landwirten, Zug-, Straßenbahn- und Kraftfahrern.

Sein Tipp, um Mobbing vorzubeugen: „Schaffen Sie ein Klima, in dem Mobbing nicht entstehen kann. Dazu kann man Hierarchien abbauen, regelmäßig mit Mitarbeitern sprechen und ihnen Rückmeldungen geben.“

Das Bündnis gegen Cybermobbing schlägt vor, im Unternehmen für das Thema Mobbing zu sensibilisieren. Das können Chefs tun, indem sie es zur Unternehmensleitlinie machen, dass sie Mobbing nicht dulden. Außerdem hätten sich Betriebsvereinbarungen zum Umgang mit Konflikten und zur Prävention von Mobbing bewährt. Auch wirkungsvoll: einige Mitarbeiter für den Umgang mit Mobbingvorfällen schulen. An diese können sich Betroffene wenden.

Ist Mobbing strafbar?

Ja. Verklagen Mitarbeiter ihren Arbeitgeber, weil er seiner Fürsorgepflicht nicht nachkommt oder sogar selbst mobbt, können Gerichte ein Schmerzensgeld, Schadensersatz (§ 823 Abs. 1 BGB) oder sogar eine Freiheitsstrafe verhängen. Gerichte können Täter beispielsweise wegen Beleidigung (§ 185 Strafgesetzbuch) belangen, wegen übler Nachrede (§ 186 Strafgesetzbuch) oder Verleumdung (§ 187 Strafgesetzbuch).

 

Vielen Dank an Inpulse für diesen tollen Beitrag über Mobbing am Arbeitsplatz mit unseren Experten Uwe Leest und Moritz Scherzer vom Bündnis gegen Cybermobbing.

https://www.impulse.de/management/personalfuehrung/mobbing-am-arbeitsplatz/7343110.html (Stand 30.03.2019)

 

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